Wilke-Wurstskandal: Prozess um elf Todesfälle vor dem Landgericht Kassel gestartet
Vor dem Landgericht Kassel hat am Montag der Wilke-Wurstskandal Prozess begonnen. Drei ehemalige Verantwortliche des inzwischen insolventen Wurstherstellers Wilke aus Twistetal müssen sich unter anderem wegen elf Fällen der fahrlässigen Tötung, fahrlässiger Körperverletzung, Betrugs sowie Verstößen gegen das Lebensmittelrecht verantworten.
Es handelt sich um einen der größten Lebensmittelskandale in der Geschichte Deutschlands. Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft sollen über mehrere Jahre hinweg mit Listerien belastete und teilweise verdorbene Wurstwaren in den Handel gelangt sein.
Schwere Vorwürfe gegen ehemalige Unternehmensführung
Angeklagt sind der frühere Geschäftsführer Klaus Peter Rohloff (57), seine damalige Stellvertreterin Ronny M. (55) sowie der ehemalige Produktionsleiter Frank Walter S. (58). Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, wirtschaftliche Interessen über die Sicherheit der Verbraucher gestellt zu haben.
Nach Überzeugung der Ermittler sollen zwischen 2014 und 2019 wiederholt mit Listerien belastete Lebensmittel verkauft worden sein. Betroffen gewesen sein sollen unter anderem Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und weitere Großabnehmer. Die mutmaßlichen Opfer waren zwischen 47 und 86 Jahre alt.
224 Seiten starke Anklageschrift
Zum Prozessauftakt verlas die Staatsanwaltschaft erste Teile der insgesamt 224 Seiten umfassenden Anklageschrift. Der Hauptangeklagte verfolgte die Ausführungen aufmerksam und machte sich Notizen. Seine Mitangeklagten zeigten sich während der Verhandlung ebenfalls zurückhaltend.
Nach Angaben der Anklage herrschten in der Produktionsstätte katastrophale hygienische Zustände. Ermittler sprechen von verschimmelten Wurstwaren, stark verschmutzten Produktionsbereichen und einer Umgebung, die ideale Bedingungen für die Vermehrung von Listerien geboten habe.
Verdorbene Lebensmittel sollen erneut verkauft worden sein
Die Staatsanwaltschaft wirft dem Unternehmen außerdem vor, verdorbene Lebensmittel aufbereitet und teilweise mit neuen Mindesthaltbarkeitsdaten erneut in den Verkauf gebracht zu haben. Genannt werden unter anderem Bierschinken, Cervelatwurst sowie Hähnchengeschnetzeltes.
Selbst interne Laboruntersuchungen mit positiven Befunden auf Salmonellen und Listerien sollen nach Darstellung der Anklage nicht zu Produktrückrufen geführt haben.
Das Robert Koch-Institut konnte die Erkrankungen später einem gemeinsamen Listerien-Stamm zuordnen. Die Ermittlungen führten schließlich zum Wursthersteller Wilke.
Urteil frühestens Mitte August erwartet
Bereits Ende 2022 hatte die Staatsanwaltschaft Anklage erhoben. Das Landgericht musste sich anschließend durch rund 160 Aktenordner arbeiten, bevor das Verfahren eröffnet werden konnte.
Gegen den ehemaligen Geschäftsführer besteht zusätzlich der Vorwurf der Insolvenzverschleppung. Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft sei das Unternehmen bereits Ende 2018 zahlungsunfähig gewesen. Der Insolvenzantrag sei jedoch erst im Oktober 2019 gestellt worden.
Der Wilke-Wurstskandal Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt. Dann sollen Sachverständige unter anderem erläutern, welche Auswirkungen die Listerieninfektionen auf die betroffenen Patienten hatten und ob sich die Todesfälle eindeutig auf die belasteten Lebensmittel zurückführen lassen.
Insgesamt sind nach dem Prozessauftakt noch 14 weitere Verhandlungstage vorgesehen. Ein Urteil wird frühestens Mitte August erwartet.
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