Rechtsextreme Szene im Westerwald: Experte berichtet über regionale Netzwerke
Bad Marienberg/Westerwald. Wie stark ist die rechtsextreme Szene im Westerwald vernetzt? Mit dieser Frage beschäftigte sich eine Konferenz des Evangelischen Dekanats Westerwald. Dabei schilderte Sebastian Zahn vom Verein Demos e. V., wie sich rechtsextreme Strukturen in der Region entwickelt haben. Besonders die zunehmende Verankerung im ländlichen Raum sowie Einschüchterungsversuche gegen gesellschaftlich engagierte Menschen standen im Mittelpunkt seines Vortrags.
Rechtsextreme Szene im Westerwald seit Jahrzehnten aktiv
Die rechtsextreme Szene im Westerwald hat nach den Schilderungen von Sebastian Zahn eine lange Geschichte. Bereits Anfang der 2000er-Jahre spielte die sogenannte Kameradschaft Westerwald eine bedeutende Rolle. Allerdings löste sich die Gruppierung im Jahr 2005 im Zusammenhang mit strafrechtlichen Ermittlungen auf.
Dennoch verschwanden die damaligen Strukturen nach Zahns Darstellung nicht vollständig. Vielmehr seien einzelne frühere Mitglieder weiterhin aktiv geblieben. Nachdem die Aktivitäten zunächst zurückgegangen waren, beobachtete Zahn ab 2015 eine erneute Entwicklung entsprechender Gruppierungen.
Damals entstanden im Zusammenhang mit den bundesweiten Pegida-Protesten auch regionale Bewegungen. Zudem richteten sich Proteste gegen die Flüchtlingsunterkunft am Stegskopf. In dieser Phase traten unter anderem die Gruppierungen Bekenntnis Deutschland und Forke und Schaufel in Erscheinung. Außerdem wurde die Partei Der III. Weg in der Region aktiv.
Hachenburger Fassfabrik galt als Treffpunkt
Ein weiteres Thema war die Frage, wie sich rechtsextreme Akteure dauerhaft im Westerwald etablieren. Laut Zahn versuchen entsprechende Gruppierungen, Gebäude zu erwerben oder anzumieten. Dadurch könnten sie feste Treffpunkte schaffen und ihre regionalen Kontakte ausbauen.
Als Beispiel nannte der Referent die ehemalige Fassfabrik in Hachenburg. Diese galt über längere Zeit als wichtiger Treffpunkt der rechten Szene. Allerdings veränderte sich die Situation nach einer polizeilichen Razzia. Im Jahr 2024 wurde das Gebäude verkauft, weshalb die bisherigen Nutzer die Immobilie verlassen mussten.
Nach Zahns Einschätzung bleibt die langfristige Verankerung im ländlichen Raum dennoch ein wichtiges Thema. Denn feste Räumlichkeiten können sowohl interne Treffen als auch die Organisation weiterer Aktivitäten erleichtern.
Aufmärsche, Kampfsport und Einschüchterungsversuche
Die rechtsextreme Szene im Westerwald tritt nach Zahns Darstellung auf unterschiedliche Weise in Erscheinung. Einerseits nutzen Akteure öffentliche Kundgebungen und Demonstrationen, um ihre Positionen sichtbar zu machen. Andererseits finden nach seinen Angaben auch weniger öffentlich wahrnehmbare Aktivitäten statt.
Dazu zählen beispielsweise Kampfsportschulungen und entsprechende Veranstaltungen. Darüber hinaus berichtete Zahn von Einschüchterungsversuchen gegen Menschen, die sich gesellschaftlich oder politisch engagieren.
Besonders problematisch sei die gezielte Veröffentlichung persönlicher Informationen im Internet. Dadurch könnten Betroffene unter Druck geraten. Zudem berichtete der Referent von Anfeindungen gegen kirchliche Einrichtungen und Wohlfahrtsverbände.
Kirchen und gesellschaftliche Organisationen betroffen
Während seines Vortrags ging Sebastian Zahn auch auf politische Auseinandersetzungen ein. Dabei kritisierte er insbesondere den Umgang mit zivilgesellschaftlichen Organisationen. Nach seiner Einschätzung würden unter anderem parlamentarische Anfragen genutzt, um Vereine öffentlich infrage zu stellen.
Außerdem schilderte er Angriffe in sozialen Netzwerken. Gerade Menschen, die sich gegen Rechtsextremismus engagieren, seien nach seinen Beobachtungen wiederholt mit persönlichen Anfeindungen konfrontiert.
Die Kirchen nähmen dabei eine besondere Rolle ein. Denn sie beteiligten sich in der Vergangenheit an verschiedenen öffentlichen Protestveranstaltungen und unterstützten gesellschaftliche Initiativen.
Hunderte Menschen demonstrierten in Hachenburg und Westerburg
Gleichzeitig verwies Zahn auf die Mobilisierung der Zivilgesellschaft im Westerwald. So beteiligten sich nach seinen Angaben in den vergangenen Jahren Hunderte und teilweise sogar Tausende Menschen an Protesten in Hachenburg und Westerburg.
Die Veranstaltungen richteten sich unter anderem gegen Versammlungen der AfD. Zudem engagierten sich die Teilnehmer für Demokratie und gesellschaftliche Vielfalt.
Auch kirchliche Organisationen unterstützten mehrere dieser Aktionen. Allerdings seien sie deshalb nach Zahns Darstellung selbst zum Ziel von Anfeindungen geworden.
Gespräche und gesellschaftlicher Zusammenhalt
Zum Abschluss seines Vortrags beschäftigte sich Sebastian Zahn mit möglichen Reaktionen auf rechtsextreme Aktivitäten. Dabei unterschied er zwischen fest organisierten Funktionären und Menschen, deren politische Haltung noch nicht gefestigt sei.
Während er öffentliche Diskussionen mit organisierten extremistischen Akteuren kritisch bewertete, sprach er sich für Gespräche mit Menschen aus, die noch für unterschiedliche Argumente erreichbar seien.
Außerdem betonte er die Bedeutung gesellschaftlicher Kontakte. Denn eine Gesellschaft, in der Menschen miteinander sprechen, könne Konflikte eher konstruktiv bearbeiten als eine dauerhaft gespaltene Gemeinschaft.
Die Entwicklung der rechtsextremen Szene im Westerwald bleibt damit ein Thema, das sowohl lokale Initiativen als auch Kirchen und gesellschaftliche Organisationen beschäftigt. Zugleich zeigen die von Zahn beschriebenen Protestveranstaltungen, dass sich zahlreiche Menschen in der Region öffentlich mit diesen Entwicklungen auseinandersetzen.
Hintergrund und weiterführende Informationen
Grundlage dieses Berichts ist eine am 22. Oktober 2026 veröffentlichte Pressemitteilung über den Vortrag von Sebastian Zahn.
Weitere Informationen zum Thema Extremismus bieten die Bundeszentrale für politische Bildung sowie das Innenministerium Rheinland-Pfalz.
Bei der Erstellung dieses Beitrags wurden KI-Werkzeuge unterstützend eingesetzt. Die redaktionelle Verantwortung liegt bei der Redaktion.
